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von
Martin Landzettel
Zu Zeiten der
Gründung des Lichtenberger Instituts machte Prof.Dr.Ing.Walter Rohmert
einmal die Bemerkung, 25 Jahre würde es in der Regel brauchen, bis eine
neue Idee und ihre Umsetzung in die Praxis aus den Kinderkrankheiten
herausgewachsen sei und sich gesellschaftlich etablieren könne. Damals
wirkte diese angesetzte Zeitspanne für unsere Vorstellung schwer fassbar
und großzügig bemessen. Heute, nach 30 Jahren reichhaltiger Erfahrungen,
guten wie schlechten, klingt dieser Satz auf besondere Weise nach. Im
Rückblick wird umso deutlicher, welches enorme Engagement durch das
Ehepaar Rohmert aufgebracht wurde, um aus einem neuen methodischen
Ansatz ein Forschungsprojekt zu formen, welches in die Gründung eines
Instituts mündete.
Als Ergonom der
ersten Stunde bot Walter Rohmert durch umfangreiche Messreihen und ihre
Auswertung nicht nur die wissenschaftliche Grundlage einer
Methodenentwicklung der Musikphysiologie, er prägte uns alle durch
seinen Pioniergeist, seinen Instinkt für Innovation sowie durch Mut und
Durchhaltevermögen bei der Realisierung.
Seine Präsenz, ob
bei Mitarbeiterbesprechungen, bei Exkursionen der Seminarteilnehmer an
sein Institut für Arbeitswissenschaft in Darmstadt, bei offiziellen
Anlässen oder im persönlichen Gespräch, war gekennzeichnet durch große
Unterstützung bei vor dem Hintergrund seiner internationalen Bedeutung
als Wissenschaftler beeindruckenden Zurückhaltung. Er hat allen in
seinem Umfeld große Freiheit gegeben.
Von ihm lernten
wir, nie aufzuhören, weiter Fragen zu stellen, besonders in den
Momenten, da sich eine neue Erkenntnis als souveränes und endgültiges
Faktum darstellen möchte. Er wusste um die Gefahr, bei einem vorläufigen
Ergebnis stehen zu bleiben. Seine Maxime, alles zu unternehmen, um sich
selber zu widerlegen, strahlte auf uns über und zeigt deutliche Spuren
in unserem täglichen, oft selbstquälerischem Ringen um die Einordnung
des aktuell Erkannten in ein großes Ganzes.
In den letzten
Jahren konnte Walter Rohmert immer seltener an dem öffentlichen Leben
teilnehmen. Sein ganzes Leben widmete er der Erforschung der
Anpassbarkeit äußerer Gegebenheiten an die Belange des Menschen. Doch
dieser Relationsbezug geriet für ihn aus den Fugen durch eine schwere
und Jahrzehnte anhaltende Erkrankung. Es wurde ein langer, gedehnter
Abschied von der eigenen Handlungs- und, noch schwerwiegender,
Kommunikationsfähigkeit. Es ist Ironie des Schicksals, dass er an einer
Tremor-Erkrankung litt. Nicht nur hatte er sich als Wissenschaftler
insbesondere dem Muskeltremor als Forschungsgegenstand gewidmet, auch
entspricht dieser Begriff seinem rückwärtig ausgesprochenen
Familiennamen.
Lichtenberg wurde
Walter Rohmerts letztes Zuhause. Viele Seminarteilnehmer wussten nicht
um die bedeutende Persönlichkeit aus Wissenschaft und Forschung, die nur
wenige Meter entfernt im benachbarten Bauernhaus weilte. Nur vereinzelt
war sein Erscheinen zu offiziellen Anlässen und Konzerten möglich. Viele
werden ihn am Tag der offenen Tür im Oktober 2007 erlebt haben.
Walter Rohmert
ging am 02.09.2009 von uns, im Kreis der engsten Familie, in einer
Atmosphäre großer Ruhe und des Friedens. Wir werden seiner immer und in
großer Dankbarkeit gedenken.
Martin Landzettel
von Ralph Bruder,
Kurt Landau und Holger Luczak
Die nationale und internationale
Fachwelt trauert um Professor Dr.-Ing. em. Walter Rohmert, der am 2.
September 2009 nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren
von uns gegangen ist.
Mit Professor Rohmert verliert die Arbeitswissenschaft eine ihrer
herausragenden Persönlichkeiten. Er gilt als einer der nationalen, aber
auch internationalen „Gründungsväter“ der Arbeitswissenschaft und
Ergonomie.
Viele seiner grundlegenden Forschungsergebnisse beispielsweise im
Bereich der muskulären Arbeit sind nach wie vor eine Pflichtlektüre für
jeden Forscher in diesem Gebiet.
Professor Walter Rohmert wurde am 21. Oktober 1929 in
Gladbeck/Westfahlen geboren, studierte in Aachen Elektrotechnik und
begann nach einer Industrietätigkeit bei der
AEG-Hochspannungsschaltgerätefabrik seine akademische Laufbahn im Jahre
1956 an dem für die deutsche Arbeitswissenschaft so bedeutsamen
Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund. In der
Arbeitsgruppe von Lehmann und Müller fand er die idealen
Rahmenbedingungen für seine Forschung auf dem Gebiet der statischen und
dynamischen Mukelbelastungen, die zu seiner Promotion im Jahre 1959 und
zu seiner Habilitation im Jahre 1962 jeweils an der RWTH Aachen führten.
Im Jahre 1963 wurde Professor Rohmert auf den neugeschaffenen Lehrstuhl
für Arbeitswissenschaft an die damalige TH Darmstadt berufen und
gründete dort das Institut für Arbeitswissenschaft (IAD), das er bis zu
seiner Emeritierung im Jahre 1995 über den langen Zeitraum von 32 Jahren
leitete. Unter seiner Leitung entstand eines der renomiertesten und
größten Universitätsinstitute für Arbeitswissenschaft in Deutschland.
Das „Rohmert-Institut“ gilt als Forschungs- und Ausbildungsstätte von
hohem Ansehen. Die am IAD entstandenen Paradigmen und Konzepte (wie
Belastungs-Beanspruchungs-Konzept oder die 4-Ebenen-Hierarchie
menschlicher Arbeit) gehören zu den arbeitswissenschaftlichen Grundlagen
in Vorlesungen und Veröffentlichungen sowie in der konkreten Umsetzung
bei der Entwicklung von Arbeitsplätzen in Industrie, Verwaltung und
öffentlichen Einrichtungen.
Den großen Wirkungsradius der Rohmert-Schule und das hohe Engagement von
Professor Rohmert als Hochschullehrer zeigen die von ihm betreuten etwa
1700 Studien- und Diplomarbeiten, die unter seiner Anleitung
entstandenen 72 Promotionen sowie die von ihm betreuten 10
Habilitationen. Viele seiner früheren Doktoranden und Habilitanden sind
heute als Professoren an Universitäten und Fachhochschulen tätig.
Vorbildlich war ebenfalls die Mitwirkung von Professor Rohmert in der
akademischen Selbstverwaltung der TU Darmstadt. So war er in den
turbulenten Jahren 1968-1969 Pro-Rektor der damaligen TH Darmstadt und
von 1978-1979 Dekan des Fachbereichs Maschinenbau. Er war in
unterschiedlichen Gremien der universitären Selbstverwaltung tätig sowie
Vertrauensdozent für mehrere Stiftungen.
Professor Rohmert spielte eine wichtige und aktive Rolle in der
Entwicklung der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft (GfA). Er war
Mitglied der GfA seit 1959 und ihm wurde die Ehre zuteil, zweimal zum
Präsidenten der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft gewählt zu werden/
(für die Jahre 1966-1968 und 1982-1988).
Auch zur internationalen Gemeinschaft der Arbeitswissenschaft und
Ergonomie pflegte Professor Rohmert einen engen Kontakt. So war er von
1966-1968 und von 1982-1988 Mitglied im Council der International
Ergonomics Association. Weiterhin war er Mitglied der britischen
Ergonomics Research Society seit 1959 und Mitglied des Councils dieser
Gesellschaft von 1979-1974.
Die interdisziplinäre Ausrichtung von Professor Rohmert und insbesondere
seine Verbindung zur Arbeitsmedizin und Arbeitsphysiologie zeigt seine
Mitwirkung in der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin seit deren
Gründung im Jahre 1962.
Mit dem REFA Verband für Arbeitsstudien und Betriebsorganisation war er
ebenfalls eng verbunden und in zahlreichen Ämtern (u. a. als
Vorsitzender des REFA-Landesverbandes Hessen und als Mitglied des REFA
Bundesvorstandes) und als Mitglied in diversen Ausschüssen aktiv.
Die Umsetzung arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse in die betriebliche
Praxis bildete u.a. die Motivation für die Mitwirkung von Walter Rohmert
in Fach-Normen-Ausschüssen des DIN. Er war Mitglied in der
Redaktionsleitung oder dem Editorial Board nahezu aller nationalen und
internationalen Fachzeitschriften der Arbeitswissenschaft und Ergonomie
(u.a. Ergonomics; Applied Ergonomics; International Journal of
Production Research; International Journal of Industrial Ergonomics;
Zeitschrift für Arbeitswissenschaft; Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und
Umweltmedizin).
Blickt man auf die Forschungsergebnisse von Professor Walter Rohmert und
die 873 veröffentlichten Texte, die ihn zum Autor oder Co-Autor hatten,
so sticht die außergewöhnliche Bandbreite seiner Interessen und
Arbeitsgebiete ins Auge. Diese Bandbreite der Arbeitsgebiete zeigt sich
auch in den vielen Feldstudien, die unter der Verantwortung von
Professor Walter Rohmert am Institut für Arbeitswissenschaft in
Darmstadt durchgeführt wurden. Hierzu gehören beispielsweise die Studien
bei der Deutschen Post (z.B. in den Bahnpostwagen, der Videokodierung
oder der Paketverteilung), der Flugsicherung (hier sei das
Rohmert-Gutachten zu den Belastungen und Beanspruchungen von Fluglotsen
genannt), der Bahn (Studien zu den Belastungen und Beanspruchungen von
Triebfahrzeugführern ), an Bildschirm- und Regiearbeitsplätzen in
Fernsehanstalten oder die Forschungen im Rahmen des Programms
„Humanisierung der Arbeit“. Eine große Rolle gerade auch zum Ende seiner
aktiven Zeit an der TU Darmstadt spielten die Forschungsstudien im
Bereich der Musikphysiologie, die ihn mit Ehefrau Gisela Rohmert eng
verband.
Die herausragende Stellung von Professor Walter Rohmert als
international hoch renommierter Wissenschaftler wird durch zahlreiche
Auszeichnungen und Ehrungen gewürdigt. Im Jahre 1974 erhielt er die „Sir
Frederic Bartlett Medal“ der englischen Ergonomics Research Society für
hervorragende ergonomische Forschungsleistungen im Laboratorium sowie in
der Industrie.
Im Jahre 1984 folgte der „Distinguished Foreign Colleague Award“
derAmerican Human Factors Society für hervorragende Beiträge zur
Verbesserung der menschlichen Bedingungen am Arbeitsplatz.
Die hohe Anerkennung von Professor Rohmert auch außerhalb der
akademischen Fachwelt zeigt die Verleihung der Verdienstmedaille in Gold
der Bundeszahnärztekammer im Jahre 1989. Im selben Jahr wird er mit dem
Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik
Deutschland für sein außergewöhnliches gesellschaftliches Engagement
ausgezeichnet.
Von der Internationalen Stiftung für Industrial Ergonomics and Safety
Research wurde er 1990 für hervorragende Beiträge zur Verbesserung der
ergonomischen und sicherheitstechnischen Bedingungen des Menschen am
Arbeitsplatz ausgezeichnet und 1991 zum Ehrenmitglied dieser Stiftung
ernannt.
Eine besondere Ehre ist die Verleihung des „Outstanding Educators Award“
für hervorragenden Beitrag zur Lehre auf dem Gebiet der Ergonomie durch
die International Ergonomics Asscociation im Jahre 1994. Professor
Rohmert war erst die zweite Persönlichkeit, die mit diesem Award
ausgezeichnet wurde.
Zu seinen Ehrungen zählt auch die Honorarprofessur der
Tongji-Universität der Volksrepublik China im Jahre 1988.
Das Institut für Arbeitswissenschaft der TU Darmstadt hat beschlossen,
das Gedenken an Professor Rohmert durch die Vergabe eines Walter-Rohmert
Foschungspreises für den wissenschaftlichen Nachwuchs aufrecht zu
erhalten. Der Walter-Rohmert Forschungspreis wird erstmals im Jahre 2010
verliehen.
Professor Rohmert lehrte seiner großen Zahl von Schülerinnen und
Schülern die Beachtung wissenschaftlicher Gütekriterien in der
Forschung, einen sorgsamen Umgang mit anderen Menschen und die
Fundierung des eigenen Handelns auf ethischen Grundsätzen. Wir verlieren
mit Professor Rohmert eine herausragende Persönlichkeit, der uns mit
seinem Wirken, seinem Wesen und seiner Menschlichkeit ein Vorbild
bleiben wird. Wir werden Professor Rohmert stets ein ehrenvolles
Andenken bewahren.
Ralph Bruder
Kurt Landau
Holger Luczak
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